In Klängen und Bildern erzählt Liquid Crystal Display eine Parabel von den Mechanismen der Macht und der Politik, die sich in unserer digitalisierten Lebenswelt auch der elektronischen Bildwelten als Mittel bedienen. Die Oper in vier Akten verwandelt mit einer raumfüllenden Video-Installation den Publikumsraum, die Guckkastenbühne und das Foyer in eine grossräumige «Theater-Maidan» und Spiel-Landschaft.

 

Die Ereignisse spielen in einer möglichen Gegenwart. Ein kleiner Staat wird durch soziale 
Spannungen erschüttert. Menschen im Aufbruch demonstrieren gegen eine erstarrte Regierung. Die Staatsmacht wehrt sich mit den Gesetzen, die sie selbst geschaffen hat. Die Aufbegehrenden 
sehen immer stärker in der Meisterin M ein Symbol ihrer Hoffnungen. Diese Meisterin ist eine 
erfolgreiche Sängerin und Leitfigur einer internationalen oppositionellen Bewegung, die sich 
bisher aus der Politik herausgehalten hat. Doch auch den Nutzniessern des herrschenden 
Systems ist klar: wer sich der Kraft dieser pro
testierenden Massenbewegung erfolgreich 
bedient, wird die Macht im Staat erringen oder behalten.
 

Akt I


«Grundlage und Schranke staatlichen Handelns ist das Recht,
Recht, Recht...» singt der Präsident P. Jedes Freiheitsrecht, das er aufzählt, vernichtet er im nächsten Satz mit einem Artikel des
Strafgesetzbuches. P erweist sich als altersstarrer Repräsentant,
der nichts mehr fürchtet als die Veränderung.


Ganz anders ist B, der Boss des Bildmedienkonzerns, der dank seiner Grösse eine Monopolstellung im Land innehat. Als be-
weglicher, selbstverliebter Unternehmer steht der Medienoligarch in enger Verbindung mit dem Staatsfernsehen wie auch mit privaten Auftraggebern. Soeben hat er einen Propagandafilm für die Meisterin M und ihre Bewegung gedreht und freut sich auf die Premiere, zu der er nicht nur M, sondern auch den öffentlichkeitsscheuen Präsidenten eingeladen hat. Als erfolgreicher Imagemacher will er P davon überzeugen, sich öffentlich mit M zu zeigen, um mehr Sympathien im Volk zu gewinnen. Doch das Treffen wird zum Desaster: der misstrauische P brüskiert M.

 

Mit M kommt auch A ins Land, der Agitator und Organisator ihrer Bewegung — und der ältere Bruder von B. B heisst ihn überherzlich willkommen. Als A ihm Vorhaltungen macht, weil P durch sein Verhalten die Meisterin verletzt habe, zeigt B auf den Bildschirm: dort umarmt und küsst P die Sängerin — genau wie es vorher B mit A getan hat. Stolz bekennt B, dass die Bildmanipulation nur zum Besten des Landes und der Meisterin geschehen sei.

 

Und er präsentiert seinem Bruder die Creative Designerin C, seine rechte Hand. C hat die Kuss-Manipulation gemixt. Keine Fälschung sei das, sagt sie: «Wir lügen nicht. Wir zeigen Bilder, die morgen schon wahr sein können.» C und A kennen sich von früher, als C noch als Mitglied in der Bewegung von M gearbeitet hat. A wirft ihr vor, dass sie nun den Reichen diene und nie an die Bewegung geglaubt habe. Darauf antwortet C: «Ach, wie klang das doch so schön: ‹Liebe, Frieden, Heiterkeit› — aber nichts, nichts, nichts davon sah ich in deinem Gesicht.» A singt das hohe Lied der Pflicht: «Was ich von anderen verlange, das muss ich selbst erfüllen.» Gerade hält C ihrem ehemaligen Freund A sarkastisch den Reichtum vor, den seine Meisterin mit ihrer Massenbewegung anhäufe, da werden die beiden von Transmitter T, dem Fahrer und Angestellten des Medienkonzerns, zur Filmpremiere mit Galadiner abgeholt.

 


 

Akt II

 

B begrüsst M salbungsvoll und lobt sich und seinen Film über die Meisterin. Er schmeichelt ihr, die am nächsten Tag ihr grosses Konzert im Stadion geben soll. Das aufgewühlte Land ersehne sich den Frieden ihrer oppositionellen Bewegung, sagt B, und bietet ihr dafür seine Hilfe an. Die Meisterin, im Gewand ihrer Bewegung, antwortet ausweichend mit dem Lied über die Macht des Windes: «Zeichen setzt der Wind, überall an seinem Weg, und alles lässt er bald hinter sich zurück.»
 

Spöttisch fragt C, ob A dieser Wind sei? A antwortet steif, der Wind sei ein Bild für die Idee der Bewegung. Bevor auch
daraus wieder ein Streit entsteht, erscheint der Staatspräsident, ein paranoid ängstlicher Mann.

 

B hält eine ähnlich schwülstige Begrüssungsansprache an den
Präsidenten, er dankt ihm für sein Kommen und drückt seine Hoffnung aus, dass die Begegnung mit M einen Ausweg aus der Krise zeigen könne. P reagiert mit Abwehr, versteift sich darauf, dass jeder Aufruhr Rechtsbruch sei, den der Staat mit Gewalt zu bekämpfen habe.

 

Die Meisterin singt wieder eine mehrdeutige Botschaft vom Wind, der alles verbinden, aber auch zerreissen könne: «Darum achtet der Kluge immer auf den Wind. Nur Kinder und Narren stemmen sich gegen ihn.» Und sie bittet A, dem Präsidenten ihr Geschenk zu überreichen.
 

P setzt zu seiner Rede an, sie beginnt mit den Worten «Grundlage und Schranke …» — doch weiter kommt er nicht. Er bricht zusammen. Wiederbelebungsversuche durch A bleiben erfolglos. Da springt B auf: «Alles hört auf mich! Das ist ein Befehl!» Er warnt vor der Gefahr eines Bürgerkrieges, wenn das Volk vom Tod des Präsidenten erfahre. Seine Bildagentur lässt darum Aufnahmen des lächelnden Präsidenten in die Anfangsszenen des Meetings schneiden und durch das Fernsehen ausstrahlen. Weiter ordnet B an, dass M und sein Bruder A an einen geheimen Ort gebracht werden, zu ihrer eigenen Sicherheit, wie er sagt.

 

Akt III

 

Transmitter T führt A und M in einen unterirdischen Tresorraum.
Dort lagere B kein Gold, erklärt T, sondern «die wahren Werte:
Der Bilderschatz der Vergangenheit, der, neu gemischt, die Zukunft zeigen kann.»

 

M macht ihrem Chefideologen A bittere Vorwürfe, weil er sie in Gefahr gebracht habe. Auf keinen Fall wolle sie in diesem Land ihr Konzert geben. A versichert ihr, dass sie im Stadion auftreten müsse, denn die Lage sei so günstig wie nie. Das Volk warte nur darauf, sie an der Spitze des Staates zu sehen. M schwankt zwischen Fluchtwunsch und der Versuchung der Macht.
 

B und C kommen in den Tresorraum und erklären, es sei noch zu gefährlich, dass sich M in der Öffentlichkeit zeige. Sie verweisen
auf die Nachrichten im Fernsehen: man sieht A das Geschenk von M überreichen, dann P zusammenbrechen, dann A den Körper von P pressen: es sieht aus, als erwürge A den Präsidenten — und schliesslich erscheinen Fahndungsbilder, die A als Attentäter und Terroristen suchen.

 

Der entsetzte A will sofort an die Öffentlichkeit um der Lüge ent-
gegenzutreten. Doch B hindert ihn mit gezogener Pistole — und
C filmt heimlich die Szene. Dann bittet B die Meisterin zum Gespräch in einen anderen Raum. C und A sind allein im Tresorraum. C deutet ihrem ehemaligen Freund an, sie könne ihm zur Flucht verhelfen. Doch A will nicht fliehen, das wäre das Ende der Bewegung, für die er sogar sein Leben opfern würde. C verlässt ihn resigniert: «Idiot! Dir ist nicht zu helfen.»

 

Während des Gesprächs von C und A sieht man am Rand der Bühne folgende stumme Nebenszene: B schiebt eine DVD in ein Abspielgerät. Die Aufnahme zeigt eine kompromittierende Szene aus dem früheren Leben der Meisterin. Damit nötigt B die Meisterin dazu, A zu überreden, sich der Polizei zu stellen, um keinen Makel auf die Bewegung kommen zu lassen. M ist entsetzt und aufgebracht, dann wird sie ruhiger und nickt, während B sie eindringlich beschwört. Offenbar gelingt es ihm, sie von seinem Plan zu überzeugen.
 

M kommt zurück zu A. Sie eröffnet ihm: Wenn der Tod von P
nicht die ganze Bewegung in den Abgrund reissen soll, dann müsse A sich der Polizei stellen. M und B würden vor Gericht seine Unschuld bezeugen. Mit ihrem Konzert im Stadion werde sie seine Rehabilitierung einleiten. Im Interesse der hohen Ziele der Bewegung liefert sich A den Behörden aus.

 

Akt IV

 

Das Staatsfernsehen bringt Nachricht vom Tod des Attentäters
A — «auf der Flucht erschossen». Ein wahnsinniger Einzeltäter sei er gewesen, von dem sich die Meisterin distanziere.

 

B steht in der Zentrale seines Konzerns und sieht sich kurz vor dem Ziel. Er wird ins Stadion eilen, wo Tausende das Konzert
der Meisterin erwarten. Mit ihrem Segen will B sich zum Nachfolger des Präsidenten machen. Seiner Assistentin C gesteht er, dass er dafür seinen Bruder A habe opfern müssen: «Wir alle müssen stählern sein, das Land braucht neue Führung. Ich und die Meisterin werden das heute verkünden.» Darum soll C die Meisterin eine halbe Stunde nach ihm im Triumphzug zum Stadion kommen lassen.

 

C beauftragt den Transmitter, M aus dem Tresorraum zu holen.
T spottet, M werde wohl keine Stimme mehr haben vor lauter
Schreien und Weinen — aber das sei nur Theater, denn sie habe ja gewusst, was passiere. Von T erfährt C nun, dass die Erschiessung
des «Attentäters» A von B und M geplant worden sei. B habe auch den Präsidenten ermordet — mit einem Gift, das er von M bezogen habe.
 

Für C, die bisher die Bildmanipulationen nicht hinterfragt hatte,
ist nun — nach dem mörderischen Komplott von B und M gegen
A — eine Grenze überschritten. Sie lässt M in Handschellen zu sich bringen. M versucht, mit C einen Handel abzuschliessen. Sie bietet C die Stelle als Nachfolgerin von A in ihrer Bewegung an. C geht zum Schein darauf ein, will aber die Ernennungszeremonie in der Form einer Segnung durch T filmisch festhalten lassen. Kaum ist dies geschehen, nimmt C die Pistole von T und erschiesst M. Danach macht sie Filmaufnahmen von der toten Meisterin.

 

B wartet im Stadion vor der aufgebrachten Volksmenge auf M.
C spielt aus dem Studio eine manipulierte Szene zu, in welcher B die Meisterin erschiesst. C und T und schauen im Studio zu,
wie die Menschenmenge B zerreisst. Wird jetzt C das entstandene Machtvakuum für sich nutzen?